ZU DEN NEUEN ARBEITEN VON ISABELLE BORGES

Die Suche, die stattfindet, geht darum, wie sich Raum (hier der 2 - dimensionale Bildraum als Modell) beschreiben lässt.

Es begann mit dem Versuch in ein Blatt Papier ein (dekoratives) Loch zu schlagen. Nach etlichen Wiederholungen fand die Künstlerin ein flächiges Objekt vor, welches in der Mitte eine gesprengte Öffnung hatte und an deren Rand ausgefranste, geometrische Formen einen Rhythmus bildeten. Dieses Objekt wurde dann mehrfach fotografiert, abgezeichnet und am Computer bearbeitet. So entstand eine Reihe an Vorlagen für die Bildserie `the arrow of time´. Der Titel entstammt der Chaosforschung und macht eine Verknüpfung von Raum und Zeit zum Thema, die weit über einfache, sichtbare Kausalitäten hinausweist. Es ging also um eine Fläche (den klassischen Bildraum als Viereck) in der eine Dynamik geometrischer Formen einen Strudel um eine Öffnung bilden in einen dahinterliegenden, irgendwie verborgenen Raum. Geometrische Formen als Motiv waren dabei wichtig, da diese in Anlehnung an die konkrete bis minimalistische Bildsprache, eine relative Objektivität den Formenmotiven im Bild ermöglichen.

Nachdem Isabelle Borges in Bildserien wie Balance´, `the arrow of time´, `Rotation´ klar definierte geometrische Formen in einem dynamischen Wechselspiel aus Fläche und Räumlichkeit, im Verhältnis zum Bildraum untersucht hatte, führte der Weg (die Reise) weiter, näher an die Öffnung, die in all den Bildern das gravitative Zentrum darstellte, um das sich die Formen bewegten.

Die Konstellationen geometrischer Formen wurden nun näher fokussiert, so dass ihre Umrisse nicht mehr vollständig sichtbar sind. So ergaben sich einfache ungegenständlichere Flächenkompositionen, in denen es noch wesentlicher um die Darstellung komplexer Raummodelle geht. Auch die Grundlage für die Bilder änderte sich dahingehend, dass weniger das schon beschriebene Papiermodell, sondern Strukturen, Bewegungen, Formen und deren Zwischenräume aus der sichtbaren Natur abstrahiert werden.

Es geht Isabelle Borges in ihrer Arbeit um den Raum hinter dem Raum, um Raumschichten, aber auch um Zwischenräume von Körpern der sichtbaren Wirklichkeit. Gemeint ist der Raum nicht als leerer Ort zwischen A und B, sondern eher als eine Art bewegten Gewebes, welches sich mehrfach gefaltet, sich drehend, in vielerlei Schichtungen und Verhältnissen unserer augengesteuerten Realität entzieht. Die dargestellte Räumlichkeit entsteht aus der Faltung bewegter Flächen.

Das bewusste Spannungsfeld in dem sich die Künstlerin bewegt, besteht in der Subtilität, ja in der Unmöglichkeit, einer wenn auch nur bruchstückhaften Darstellung eines dramatischen, wissenschaftlichen, sich permanent drehenden und gefalteten Raumes, in einer minimalistischen Ästhetik, sprich in einer konzentrierten Form, des absolut Notwendigen und Wahren.

Die Betitelung der Bilder verweist auch hier auf Werkserien. Eine Serie hat den Titel `der unsagbare Raum´, nach einem Aufsatz von Le Corbusier. Dieser Titel ist eher intuitiv und aus einer poetischen Empfindung, als aus einem programmatischen Hintergrund übernommen. Die Bilder dieser Serie entstehen aus einer freien, suchenden Arbeit direkt auf der Leinwand. Eine zu dieser Ausstellung neu begonnene Serie ist betitelt mit `Suchmaschine´. Dieser Bildserie liegen Papierarbeiten zu Grunde, die mehr oder weniger genau in Malerei auf Leinwand übertragen werden.

Jens Hausmann Juni 2013