DAS BILD DER PFADE, DIE SICH VERZWEIGEN

Die Kunst der Isabelle Borges ist eine des Abbildes. Dessen Welthaltigkeit erschließt sich erst bei genauerem Blick. Dabei hilft eine Unterscheidung zwischen Oberfläche und Untergrund. Das Wort `Oberfläche´ kann hier wörtlich genommen werden. Diese Differenzierung ist nur möglich, weil die einzelnen Werke ebenso Oberfläche wie Tiefe besitzen. Oberfläche meint dabei die materielle Erscheinung des Gemäldes. Dafür muss der Betrachter an das Gemälde herantreten, um die konkrete Bearbeitung der einzelnen Bildelemente zu erkennen. Gleichzeitig ist hier der Ort, an dem sich künstlerische Weltsicht, ein Empfinden von Zeit und Raum, eine Standortbestimmung im Jetzt zeigt, die konzeptionell und seriell untersucht wird. Da ist zum einen die Basis der Gemälde, die hier funktionelle Bedeutung besitzt. Denn auf diesem zumeist vielfarbigen Grund erheben sich Formen, deren Gestalt und Inhalt abstrakt bleiben. Diese `Schicht´ besteht aus einzelnen distinkten Formen, die eingebunden sind in eine Art Makrostruktur, wie eine Art Ring. Diese Makrostruktur gibt den Gemälden eine Tiefe und eine spezifische Räumlichkeit. Im Gesamtgefüge der Bilder zeigt sich hier die Fragmentarisierung der Welt, als Gleichzeitigkeit von Gegensätzen. Für den Betrachter ist diese Räumlichkeit sehr konkret erlebbar als eine Art Sturz in das Bild, in die zumeist leere Mitte. Aber der Blick wird aufgehalten durch die Details der Struktur. Worte, Bildfetzen und Zeitungsschnipsel werden sichtbar. Tatsächlich sind das Hinweise auf das Arbeitsmaterial, mit dem Isabelle Borges umgeht. Sie findet ihr Material in Zeitungen, Magazinen oder Broschüren und integriert dieses in das Gemälde als eine Art Fremdkörper. Gleichzeitig ist dieser Fremdkörper entzifferbar und von Gehalt. Das entscheidende Momentum dabei ist die Wiederkehr der Realität in einem abstrakten Raum, wie dem des jeweiligen Gemäldes. Über die Schriftzeichen lassen sich gewissermaßen Zeit und Raum abschätzen. Das hat auch durchaus literarische Qualitäten und erinnert an Dada, an Kurt Schwitters oder auch Max Ernst. In dieser Sicht erscheint das Werk von Isabelle Borges als eine Archäologie der Moderne, von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. Die Künstlerin verdichtet diese Referenzen und öffnet der Malerei neue Perspektiven. Der Titel dieses Artikels soll das deutlich werden lassen. Er ist eine Referenz an den großen Argentinier Jorge Luis Borges und seiner Erzählung `Der Garten der Pfade´, die sich verzweigen.

In den Gemälden von Isabelle Borges kann man sich verlieren, aber der Betrachter wird immer Punkte finden, an denen er die Realität wieder entdecken kann.

Thomas Wulffen 2011