DER UNSAGBARE RAUM

Isabelle Borges und Jens Hausmann leben als Künstlerpaar in Berlin. Sie teilen den Rhythmus ihres Alltags und verschränken mit dieser Ausstellung Werke der letzten drei Jahre, die – formal und ihrem Sujet nach grundsätzlich verschieden – Tür an Tür, in einer gemeinsamen Atelieretage entstanden sind. Ihre Ausstellung in Meiningen präsentiert den Dialog, den beide malerisch miteinander führen. Zugleich zeigen ihre Bilder eine Auseinandersetzung, die jeder von beiden – gerade in der Begegnung mit dem anderen – auch mit den eigenen Positionen geführt hat, die dadurch auf überraschende Art und Weise erweitert wurden.

Isabelle Borges kommt aus der Tradition ungegenständlicher Malerei. Ihre Bilder entstehen aus dem Rhythmus strukturierter Flächen, die eine Bewegung in die Tiefe des Bildraums erzeugen. Linear konturierte Felder grenzen so aneinander, dass Räumlichkeit aus der Faltung von Fläche entsteht: ihr Bildraum ohne Volumen ist reine Bewegung, im Sinne konkreter Kunst ganz Vektor einer malerischen Kraft. Über die zeichnerische Perspektive, die das Bild strukturiert, legt sich ein dynamischer Farbraum, dessen Kontraste die Bewegung der zunächst geometrisch konzipierten Formen noch steigern. Stets verweisen unruhige Farbverläufe im Hintergrund und der sichtbare Duktus des Pinsels auf eine eigene Materialität des Mediums. Die Bilder setzen nicht auf eine rein visuelle Wirkung, sondern betonen taktil, fast haptisch ihre Stofflichkeit. In den letzten Jahren hat Isabelle Borges ihre Flächen mit Zitaten aus der Welt versehen, in der die Malerin lebt: Zeitungsausschnitte und Materialcollagen durchstoßen die Förmlichkeit der Konstruktion. Hinter dem visuellen Raum wird ein historischer zitiert. Zeit tritt als quasi vierte Dimension zur ästhetischen Erfahrung hinzu.

Als figurativer Maler bewegt sich Jens Hausmann scheinbar innerhalb der Koordinaten einer festgefügten Räumlichkeit. Auf seinen großformatigen Gemälden grenzen transparente Flächen moderner Architektur an die dichte, verwirrend verschlungene Vegetation tropischer Wälder. Als hätte Kultur ihr Band zu Natur gelöst und durchschnitten, stehen menschliche Körper wie ausdruckslose Hüllen in einer atmosphärisch aufgeladenen Situation. Leere Gesichter, erstarrte Gesten, eingefrorene Bewegungen verdichten im einzelnen Körper die Apathie, die im Bild überhaupt das Verhältnis von Natur und Zivilisation beherrscht. Bewegung erzeugen allein die konkreten Mittel der Malerei: eine intensive, fast surreale Farbigkeit und eine malerische Darstellung, die einzelne Elemente des Bildes überscharf hervorhebt und andere Bildpartien fast impressionistisch auflöst. Zu diesen Bildern ist in den letzten Monaten eine kleinformatige Serie von Waldlandschaften getreten. Ihr auf romantische Traditionen verweisendes Sujet, die überraschende Farbigkeit und die an Schlieren und Tropfen erkennbar malerische Darstellung weisen über die figurative Darstellung hinaus auf das Gemälde als symbolischen Raum. Hinter dem Abbild gewinnt das Gemälde selber, die Darstellung im Bild, als Kunstform Präsenz. Farbe und symbolisch verdichtete Form bestimmen atmosphärisch die Szenerie.

Das vergangene Jahrhundert hat – nicht nur in der Kunst – seinen Zeitgenossen und der Nachwelt Figuren der Entgrenzung vorgeführt, die vorher kaum vorstellbar waren. Wenn nicht alles täuscht, wird es im 21. Jahrhundert darum gehen, die vielfältig entgrenzten Räume wieder einzuhegen und bewohnbar zu machen. In den Arbeiten von Isabelle Borges und Jens Hausmann wird das Spiel mit den Grenzen auf malerische Art und Weise ausgelotet. Ihre Ausstellung Der unsagbare Raum überschreitet Markierungen, die bisher für ihre künstlerische Haltung und die Präsentation ihrer Werke galten. Zugleich wird dadurch fassbarer und gewinnt Gestalt, was man den Fluchtpunkt, das Ziel ihrer ästhetischen Geste nennen könnte. Der Titel der Ausstellung verweist auf ein lange unveröffentlichtes Manuskript von Le Corbusier: L’espace indicible. Werk und Anspruch dieses großen Architekten stehen für die Auflösung der herkömmlichen Grenzen zwischen Architektur, Malerei und Skulptur. Das Leben selber, sein Alltag, sollte zum Kunstwerk werden, indem Bewegung, auch die von Menschen, durch und durch formalisiert wurde. In den Arbeiten von Borges und Hausmann implodiert dieser Anspruch in die stringente Morphologie allein von Kunst. Die Zerfallsprodukte, die ihre Dekonstruktion der Ästhetik des 20. Jahrhunderts freisetzt, glühen am Himmel vergangener Utopien. Vor jedem Verweis auf den sagbaren Raum von Politik und Gesellschaft zeichnen ihre Bilder Leuchtspuren malerischer Imagination.

Marc Wrasse – Mai 2011